19.7.2014

Eiger Ultra Trail 2014

Distanz 51 km

Um mich im Februar nach über drei Monaten absoluter Trainingsabstinenz wieder fürs Joggen zu motivieren, meldete ich mich an einem Abend Online für drei Marathons an. Ein äusserst wirksames Mittel, sich zum Glück zu zwingen.

Spätestens nach der Startnummerbestätigung wird einem bewusst, jetzt braucht es wöchentlich zum Beginnen mal 60 Laufkilometer. Zeit hat man eigentlich nie, aber ohne Training geht es nicht. Erste Station ist der Eiger Ultra Trail. Vier Monate Aufbauzeit sind realistisch inkl. ein bisschen Reserve.

Unsere Sommerferien in Engelberg anfangs Juni waren perfekt gelegen, um die Trailausrüstung zu testen und ein paar Höhentrainings zu machen. Auch mein neustes Hobby, die langen Läufe in den Bergen per Film festzuhalten, musste sattelfest sein und geübt werden. Hier ein paar Ergebnisse der wunderbaren Bergwelt im Herzen der Schweiz. Das Wetter war geradezu perfekt an allen sechs Lauftagen.

Strecke 1 Film: Engelberg - Lutersee - Bockistock
Strecke 2 Film: Schwand - Walenpfad - Bunnihütte
Strecke 3 Film: Engelberg - Trübsee - Gerschnialp
Strecke 4 Film: Engelberg - Hahnen
Strecke 5 Film: Engelberg - Ristis - Brunnihütte
Strecke 6 Film: Engelberg - Talrunde

Grindelwald, 18. Juli 2014

Eigentlich wollte ich am Lauftag selbst in der Früh nach Grindelwald anreisen (Startzeit 07:00 Uhr). Leider musste man die Startnummer bereits am Vorabend abholen und es gab ein obligatorisches Briefing. Beim zweiten schwänzte ich. Aber die Startnummer war wichtig. Leider bemerkte ich dies erst wenige Wochen vor dem Renntag und alle Hotels waren ausgebucht. Im Alpenblick fand ich noch das letzte Bett in einem Massenschlag. Die Anreise verlief ohne Problem und es verspricht ein sonniger und heisser Lauftag zu werden.

Beim Abholen der Startnummer nehmen sie es sehr genau und bei jedem Läufer wird das Pflichtgepäck geprüft, sonst gibt es ganz einfach keine Startnummer.

Verständlicherweise dauerte dies seine Zeit und man muss sich in einer Schlange einordnen. Die Pflichtausrüstung im Rucksack besteht aus:

  • Laufrucksack
  • Mobiltelefon (immer eingeschaltet)
  • Rettungsdecke von mind. 1.40m × 2m
  • Notsignalpfeife
  • elastische Binde für Notverband mind. 80cm x 3cm
  • wasserdichte Jacke mit Membran, mind. 1.5-lagig warme Langarmschicht wie Primaloft Daune oder Thermo-Shirt (keine Baumwolle) mind. 150 gr.
  • lange Überhose
  • lange Laufhose oder Beinlinge
  • Ersatz T-shirt
  • Stirnband oder Mütze
  • Sonnenbrille
  • Handschuhe
  • Verpflegung
  • Wasserflasche
  • Wassersack oder Bidon (mindestens 8 dl), Trinkbecher (an den Verpflegungsposten sind keine vorhanden)

Im Hotel esse ich auf der Terrasse bei herrlichem Blick auf die Eiger Nordwand noch die letzte und vierte Portion Spaghetti und ziehe mich um 21.00 Uhr langsam zurück in den engen Schlafraum mit lauter Kayütenbetten. Dieser ist verwinkelt und überall sind Läufer für den grossen Anlass von Morgen. Eine leichte Nervosität liegt in der Luft. Hier ein Panoramafilm der Abendstimmung.

Grindelwald, 19. Juli 2014

Obwohl ich ein paar Mal erwachte, schlief ich gar nicht mal so schlecht. Zu Fuss mache ich mich auf zum Startgelände und um Punkt 07:00 Uhr erfolgt der Startschuss. Über 500 Läufer rennen über die Startlinie.

3‘100 Höhenmeter sind auf den nächsten 51 Kilometern zu bewältigen und es geht gemäss dem Höhenprofil entweder rauf oder dann runter. Die Pflichtausrüstung auf dem Rücken mit ca. 4 Kilogramm ist gewöhnungsbedürftig. Heute bei der Hitze ist vor allem das Flüssige darin unverzichtbar. Für mich war dieser Ballast immer unvorstellbar und ein Killerkriterium solche Läufe anzugehen. Heute muss ich aber sagen, macht es genau dies aus. Die akribische Vorbereitung, Materialsuche, Optimierungen etc. macht die ganze Angelegenheit anspruchsvoller, komplexer und spannender. Bei einem guten Laufrucksack bemerkt man jenen nach einer Weile kaum mehr. Hätte ich nie gedacht. Ich musste jedoch drei Stück kaufen, bevor ich den Richtigen hatte.

Die Strecke wird schnell eng und man hat Mühe zu überholen. Zum Glück konnte ich ganz vorne im Feld starten. Hinter mir staut es sich gewaltig. Ich werde gut mitgezogen und jeder will mit dem Schritt steil hoch mithalten und kein Bremsklotz sein. Auch in anbetracht des Dauerlaufes drängen sich nur ganz wenig nervöse Läufer nach vorne und nehmen quer feld ein in Kauf. Dies ist riskant, Kräfte raubend und der Zeitgewinn bleibt unwesentlich. Die Sonne ist noch hinter den Bergen und als wir nach knapp 1'000 Metern aufstieg bei Kilometer 8 die kleine Scheidegg und den ersten Verpflegungsposten erreichen, bricht die Sonne langsam druch. Der Panoramablick zurück runter auf Grindelwald und rüber zur Eiger Nordwand ist wie im Bilderbuch. Die ersten weissen Schneefelder sind jetzt schon auf unserer Höhe.

Ausgerechnet jetzt streikt meine Videokamera. Dies drückt gewaltig auf meine Stimmung, da ich so oft übte und es immer klappte. Zum Glück waren die kommenden zwei Kilometer nicht so unwegsam und steil, so konnte ich mich durch das Kameramenü drücken und den Fehler suchen. Die versteckte Wirelesstaste wurde irgendwie durch Druck ausgelöst und blockierte dadurch die Aufnahme. Es dauert eine Weile, bis ich dies korrigieren konnte respektive herausfand, rennend und immer wieder mit kurzem Blick auf die Strecke.

Das Prinzip beim Eiger Ultra Marathon ist die Selbstversorgung. Da es ein sehr heisser Tag wird, gilt es den Camelbag oder die Trinkflaschen voll zu halten. Alles andere wäre gefährlich und unverantwortlich. Jeder Läufer verpflichtet sich auch falls nötig erste Hilfe zu leisten.

Auf 2265 m. ü. M. treffen wir auf den Bachsee, einem paradisischen Fleck der Alpen. Die Sonne brennt jetzt mit voller Kraft auf unsere Köpfe und der Schweiss perlt von der Haut nur so ab . Bei Kilometer 20 auf der Bussalp treffen wir auf einen weiteren Verpflegungsposten bevor es steil hoch aufs Faulhorn geht. Wow, das geht jetzt richtig an die Substanz. Da man den Gipfel zu Beginn des Aufstieges weit oben erkennen kann, hat man das Gefühl nie anzukommen, er scheint unerreichbar hoch.

Oben auf dem Gipfel ist die Stimmung einmalig und die erste Zwischenzeit wird auf dem höchsten Punkt genommen. Ich konnte dies im Film bei Minute 4:25 toll festhalten. So steil wie hoch, geht es jetzt runter. Das Panorama ist ein Traum, aber man kann es kaum geniessen. Jeder Tritt muss sitzen.

Die Strecke ist sehr anspruchsvoll, mit grossem und losem Gestein. Ich dachte immer die Stöcke sind gut für den Aufstieg, aber ich bin jetzt vor allem froh jene für den Abstieg zu haben.

Das schöne Wetter lockte heute viele Wanderer in die Höhe, was jene auf unserer Rennstrecke sicher bereuen. Der Pfad ist grösstenteils eng und das Ausweichen bei hunterten von keuchenden Läufern ist nicht gerade das, man sich auf diesem Wanderweg wünscht. Überholen ist nach wie vor schwierig und man geht immer auch ein gewisses Risiko ein.

Nicht nur das Rauf, sondern auch das Runter beansprucht viel Kraft, und jene fehlt zunehmend. Man will dies ja nicht absolut mit den Knien auffangen. Die Angst vor einem kleinen Aussetzer und Sturz steigt, nicht zuletzt durch das Erreichen der Kraftreserven. Das Läuferfeld hat sich nach 6 Stunden komplett verteilt und es gibt Momente, wo man weit und breit alleine unterwegs ist. Die Strecke ist jedoch perfekt markiert.

Bei Kilometer 45 und 8 Stunden Laufzeit komme ich unten im Tal an bei Burglauenen an, zurück in der Zivilisation. Es werden lange 6 Kilometer bis ins Ziel, bei leichtem Anstieg. Ich treffe auf den Läufer Roland Blaser. Zufällig kommen wir ins Gespräch. Roland ist der Cousin von Andrea, einer Luzerner Laufkollegin. Die Läuferwelt ist winzig und wir unterhalten uns köstlich. Mit letzter Kraft gehts hoch nach Grindelwald, dem Ziel, dort wo wir auch gestartet sind. Die Unterhaltung war meine Rettung, diese letzten Kilometer noch in gutem Tempo durchzuhalten. Es ist der Beweis, dass es eben eine reine Kopfsache ist. Die körperlichen Grenzen waren schon lage erreicht und überschritten. Diese Tatsache macht mich optimistisch für den nächsten Lauf, den Mountain Man Ultra Lauf am 16. August 2014. Da sind es dann 80 Kilometer und 5'000 Höhenmeter. Ich rechne mit einer Laufzeit von 12-14 Stunden.

Im Ziel angelangt fühle ich mich zwar gut, aber bin total "ausgepowered". Weitere Laufkilometer anzuhängen wären nicht mehr möglich gewesen. Am 16. August kommen dann aber noch 30 hinzu. Ich weiss es geht dann irgendwie, man muss sich dies einfach immer wie vor Augen führen über Tage und Wochen im Vorfeld. Es ist eine rein Einstellungssache.

Es war ein tolles Erlebnis und sogar die Dusche im Zielgelände hatte noch warmes Wasser. Ein Novum für mich war nach 28 absolvierten Marathons, dass Männlein und Weiblein die gleiche Dusche teilten. Aber was soll's, nach dieser Anstrengung ist man irgendwie geerdet und hatte ganz andere Sorgen.

Kurz nach 18:00 Uhr war ich wieder zurück in Engelberg bei meinen Liebsten. Ohne Zweifel, hatte ich heute einen Schutzengel dabei, wenn ich dies so Revue passiere. Kompliment und Dankeschön der Organisation und all den Helfern, welche dieses Erlebnis erst ermöglichten :-)